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2012 - Pressestimmen

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Neue Presse Coburg, 9. Oktober 2012 - Feuilleton

Mit russischer Seele
Klassik Akademie Kronach bietet Sinfoniekonzert der Extraklasse.
Johanna Mair brilliert am Klavier.
von Dr. Peter Müller

Das Festkonzert der Kronacher Klassik Akademie unter der souveränen musikalischen Leitung und fundiert unterhaltsamen Moderation von Burkhart M. Schürmann stand ganz im Zeichen großer russischer Komponisten. Am Sonntagnachmittag betraten die vielen Musikfreunde ein sonnendurchstrahltes Foyer der Maximilian-von-Welsch Realschule und wurden mit der "Promenade" aus "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgski, von Schürmann arrangiert für zehn Blechbläser, wie auf dem Grünen Hügel Bayreuths empfangen.

Schon Mussorgskis festliche Polonaise war Programm für die folgenden Werke, die Bilder historischer Wegmarken der klassischen russischen Musikkultur vor Ohr und Auge führten. Mit Alexander Borodin und seiner höchst effektvollen "Steppenskizze aus Mittelasien" begann ein Sinfoniekonzert der Extraklasse, in dem die mehr als 80 jungen und junggebliebenen Musikerinnen und Musiker über sich hinauswuchsen. Borodin schildert revolutionär in vorrevolutionärer Zeit als Mitglied des "mächtigen Häufleins" von Komponisten aus St. Petersburg um Nicolai Rimskij-Korsakow die Begegnung russischer Truppen mit einer asiatischen Kamelkarawane. Seelenvoll melancholische Melodik trifft auf orientalische Arabesken, die gleichsam aus dem Nichts kommen und langsam wieder in der Weite verschwinden. Das Zusammentreffen verläuft harmonisch und in einem mächtigen Freudenfest, wobei zu den sehr konzentrierten dichten Streichklängen die Blechbläser auf russischer Seite, die Celli im Dialog mit den Violinen auf orientalischer Seite tonangebend sind.

Nachrevolutionär, klassisch-romantisch und zeitgenössisch im Konflikt mit der offiziellen Kulturpolitik schrieb Dmitri Schostakovitsch 1957 sein "Klavierkonzert Nr. 2 F-Dur op. 102", dessen Sätze "Allegro, Andante, Allegro" ineinander übergehen, in den von Synkopen durchwirkten Tuttistellen Anklänge an den geliebten Jazz zeigen und in den Klavierpartien höchste Virtuosität verlangen, wie sie Johanna Mair aus Bayreuth mit ihren 18 Jahren bereits klar und transparent, mit energischer Bestimmtheit und sicherem Ausdruck und Wohlklang demonstrierte. Das Werk ist in ständiger Vorwärtsbewegung; vom Marsch über schnelle Polka führt es zu einem feurigen Scherzo und entwickelt sich mit Accelerando und Crescendo zu großer Sinfonik mit spanischen Rhythmen eines de Falla würdig und einem großen popmusiknahen effektvollen Finale.

Nach diesem begeisternden solistischen Höhepunkt folgte noch der orchestrale sinfonische Höhepunkt mit seinen vielen Wechselbädern der tiefen Gefühle und kompositorischen Überraschungsmomente: die "Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64" von Peter I. Tschaikowski.

In immer neuem Gewand taucht die "Schicksalsmelodie" des resignativen Beginns (Andante) als idèe fixe in den vier Sätzen auf: Als Kontrast zum energisch hochfliegenden Hauptthema des "Allegro con anima", das in einer festlichen schwelgerischen Ballszene mündet. Liebe und Leidenschaft wogen im "Andante cantabile con alcuna licenza". Horn und Oboe sind im Liebesdialog, dazu spielen die Celli lyrisch sinnliche Klänge, die von den Violinen zu leidenschaftlichem Drängen zwischen Himmel und Hölle führen, bis wie Fallbeile dem Rausch ein Ende gesetzt wird. Im "Valse. Allegro moderato" kehrt die Leichtigkeit des festlichen Ballerlebnisses zurück, aber auch die Schicksalsmelodie bringt sich in Erinnerung und entwickelt sich im "Andante maestoso - Allegro vivace" von der bedrohlichen Macht des Geschicks und einem Höllenritt zu einem selbstbewussten Sieg des Liebenden im strahlenden Finale.

Ein Glücksgefühl beherrschte nach diesem eindringlichen Hörerlebnis das Publikum, das die Künstler begeistert umjubelte.
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Fränkischer Tag Bamberg, Lokalteil Kronach, 9. Oktober 2012

Solistin als Chefin des Geschehens
Die Kronacher Klassik-Akademie lud zu einem Ausflug in die Welt der russischen Musik ein.
Johanna Mair aus Bayreuth bestand in dem Konzert ihre Bewährungsprobe.
von Dr. Georg Zenk

Das Wagnis hat sich glänzend erfüllt: Die Kronacher Klassik-Akademie bot in diesem Jahr in der Aula der Maximilian-von-Welsch-Schule einen Vormittags-Konzerttermin mit freiem Kommen und Gehen und – unter der Organisation von Jutta Dietzel und ihrem Team – mit Essen und Getränken sowie eine klassische Nachmittagsaufführung.

Die Verantwortlichen unter der künstlerischen Leitung von Burkhart M. Schürmann hatten zu einem musikalischen Ausflug in die Welt der russischen Musik eingeladen. Das Orchester von beneidenswert jugendlichem Altersquerschnitt umfasst Instrumentallehrkräfte und Berufsfachschüler(innen) aus Kronach, ist aber durch kompetente Musiker(innen) aus der Kreisstadt wie aus ganz Oberfranken zu einem hoch leistungsfähigen Klangkörper herangewachsen. In jeder Phase war zu erkennen, dass die für die einzelnen Instrumentengruppen verantwortlichen Dozenten zielführende Arbeit geleistet und – wie Rainer Kober in der Begrüßung betonte – in Burkhart M. Schürmann erneut ihren Meister der Motivation gefunden hatten.

Modest Mussorgskis (1839-1881) „Promenade“ in „Bilder einer Ausstellung“ war, vom Dirigenten glücklich für zehn Blechbläser arrangiert, ein edles Anfangs- bzw. Pausenzeichen.

Ein weiteres Experiment muss als sehr erfolgreich bezeichnet werden: Die hilfreichen Einführungen in die jeweiligen musikalischen Sätze, von Schürmann ebenso launig wie kompetent gegeben und durch Musikbeispiele unmittelbar aus dem Orchester gestützt, machten die Musik didaktisch transparent. So konnte man in Alexander Borodins (1833-1887) „Steppenskizze aus Mittelasien“ die landschaftliche Einförmigkeit ebenso musikalisch ausgedrückt erleben wie das Getrappel von Pferden und Kamelen bis hin zum Klang morgenländischer Weisen, die in ein kerniges russische Lied übergehen, um sich wieder wie eingangs in den Lüften zu verlieren. Schon dabei wurde ein Doppeltes deutlich: die erreichte Klangqualität des Orchesters und die völlig allürenfrei dienliche Dirigierweise Schürmanns.

Das Klavierkonzert Nr. 2 in F-Dur op. 102 von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) stellte für die 18-jährige Solistin Johanna Mair aus Bayreuth eine glänzend bestandene Bewährungsprobe dar, zumal sie noch in diesem Monat ihr Studium an der Hochschule für Musik in München aufnehmen wird. Im spritzigen Marsch des ersten Satzes verdiente sich das Holzbläserregister ein erstes Mal hohes Lob für seine Konzentration und klangliche Präzision. Von sicherer Differenzierung geprägt war Johanna Mair Chefin des Geschehens genauso wie in den aufgetürmten Oktavenläufen der Prestoteile. Und mit Recht hatte sie den Rat des großen russischen Pianisten S. Richter befolgt, der in seinem Alter forderte: „Pianisten, stellt euch doch die Noten hin!“

Im zweiten Satz straft Schostakowitsch die Lügen, die ihn der politischen „Pioniermusik“ verdächtigen. Das Orchester fand einen berückend schönen Streicherton. Die Solistin zeigte ihre großen lyrischen Fähigkeiten auf. Dass im Schlusssatz bei den verflixten technischen Hanon-Zitaten Tempo und eine Präzision über mehr als 40 Streicher hin glänzend gemeistert wurden, zeigte, wie weit die Orchestererziehung inzwischen gediehen ist. Für den nicht enden wollenden Applaus bedankte sich Johanna Mair mit Felix Mendelssohn-Bartholdys Gondellied in g-Moll – um sich für das Cellospiel am ersten Pult nach der Pause vorzubereiten.

In Peter I. Tschaikowskis (1840-1893) Sinfonie Nr. 5 in e-Moll op. 64 war die Klassik-Akademie endgültig in der großen orchestralen Form angekommen. Von den ersten Takten an durchzieht die ohrwurmartig punktierte Thematik wie ein Ausdruck der völligen Ergebung in das verhängte Geschick das gesamte Werk, freilich in je neu gefärbter Fassung als Träger bedrohlicher, vielleicht auch humoriger, schließlich aber triumphaler Stimmungen. Und das Orchester empfand die große Sattheit und Dichte der Instrumentation mit starker Präsenz kräftiger Blechbläserfarben als gern angenommene und bestandene Herausforderung. Den „Lichtstrahl“ im Hauptmotiv des zweiten Satzes gestaltete die erste Hornistin geradezu souverän. Im dritten Satz könnte man nach den Walzertakten die Rückgriffe auf das Kopfthema des ersten womöglich durchaus als trunkenes Heimwärtswanken deuten. Im Unterschied zum Finale der sechsten Symphonie endet Tschaikowskis fünfte aber optimistisch und triumphal. Die Ovationen lenkte der Dirigent immer wieder auf seine Musikerinnen und Musiker.



Die Kronacher Klassik AKADEMIE ist eine Initiative von KRONACH Creativ
in Zusammenarbeit mit der Berufsfachschule für Musik Oberfranken,
der Sing- und Musikschule im Landkreis Kronach,
der Maximilian-von-Welsch-Schule Kronach
 und dem Frankenwald-Gymnasium

Träger des Kultur-Förderpreises des Landkreises Kronach
Mitglied im BDLO Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester e. V.

Schirmherr Axel Kober, GMD der Deutschen Oper am Rhein

in memoriam Burghard Fussek (1942-1999)