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2012 - Werke


“À la russe” – “auf russische Art” präsentiert sich das Programm der neunten Kronacher Klassik AKADEMIE. Was aber, außer der Tatsache, dass es ausschließlich Werke russischer Komponisten umfasst, könnte an ihm noch “typisch russisch” genannt werden? Kramen wir ein wenig in der Klischeekiste, dann stellen wir uns unter dem “typisch Russischen” vermutlich vor allem etwas besonders Seelenvolles und Leidenschaftliches vor, sicher auch etwas Kräftiges und Zupackendes, vielleicht sogar mit einer gewissen Neigung zum Groben, Sperrigen und Ungehobelten.

Für nichtrussische, auf das metrische Ebenmaß geradzahliger Perioden getrimmte Ohren mag zumindest die eigenwillige Metrik von Mussorgskis “Promenade” in wechselnden 5/4-, 6/4- und 3/2-Takten seltsam sperrig wirken, und auch die Melodien in Borodins “Steppenskizze” weisen trotz äußerlicher Geschmeidigkeit eine unregelmäßige Phrasengliederung auf (z. B. 3+2+3 oder 4+5), die ihre Wurzeln vermutlich in der russischen Volksmusik hat, wo eine solche Metrik weitaus geläufiger ist als in der deutschen. Borodin, der die Symphonischen Dichtungen Franz Listzs bewunderte und ihm auch seine “Steppenskizze” widmete, gab seinem Werk folgendes Programm:

    “In der einförmigen Steppe Zentralasiens erklingen die dort bislang noch nicht vernommenen Töne eines friedlichen russischen Liedes. In der Ferne hört man das Getrappel von Pferden und Kamelen und den eigentümlichen Klang einer morgenländischen Weise: Eine einheimische Karawane nähert sich. Unter dem Schutz der russischen Waffen zieht sie sicher vorüber und setzt sorglos ihren weiten Weg durch die unermessliche Wüste fort. Weiter und weiter entfernt sie sich. Das Lied der Russen und die Weise der Asiaten verbinden sich zu einer gemeinsamen Harmonie, deren Widerhall sich nach und nach in den Lüften der Steppe verliert.”

Obgleich die  Sinfonik Tschaikowskis den Anspruch erhebt, absolute Musik zu sein, ist doch auch sie nicht unbeeinflusst von den programm-musikalischen Ideen Liszts und Berlioz'. So durchzieht die vier Sätze der 1888 entstandenen fünften Sinfonie eine melodische “idée fixe”, die bei ihrem Auftreten gleich zu Beginn des Werks nach Tschaikowskis eigenen Worten eine “völlige Ergebung in das Schicksal” beschreibt. Im weiteren Verlauf des Werkes wandelt sie sich bei ihrer Wiederkehr an formal prägnanten Stellen jedoch zum Träger bedrohlicher, auch humoriger und schließlich triumphaler Stimmungen. Außer dem Pathos des Schicksalhaften könnte man als “typisch russisch” vielleicht auch die große Sattheit und Dichte der Instrumentation mit ihrer starken Präsenz kräftiger Blechbläserfarben empfinden.

Ganz anders dagegen das zweite Klavierkonzert von Schostakowitsch, das auch deshalb vielleicht besser mit “typisch sowjetisch” etikettiert werden müsste (wenn denn die Klischeekiste noch für einen kurzen Moment geöffnet bleiben darf). Für den eigenen 19-jährigen Sohn Maxim komponiert und von diesem 1957 uraufgeführt, erklingen hier ein spritziger Marsch, ein verträumtes Notturno und ein pfiffiger Galopp in transparenter Instrumentierung. So jugendlich frisch und stramm erscheint das alles, dass vor lauter Zackigkeit manch einer vielleicht schon einen Zug ins Militärische spüren und das Werk als “Pioniermusik” ablehnen könnte. Wer aber vermöchte dem rhythmischen Reiz der 7/8-Metren und Taktwechsel im dritten Satz zu widerstehen, die so eine kuriose Nähe zur “typisch amerikanischen” Musik von Leonard Bernsteins West-Side-Story haben, die übrigens im gleichen Jahr uraufgeführt wurde?

BMS



Die Kronacher Klassik AKADEMIE ist eine Initiative von KRONACH Creativ
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